Wie lange sollte ich stillen?

Es gibt keine richtige oder falsche Stilldauer. Jedes Mutter-Kind-Paar hat andere Bedürfnisse und Wünsche und so ist die Frage, der passenden Stilldauer sehr individuell zu beantworten. Wissenschaftlich ist nachgewiesen, dass jeder Tag und jeder Monat mehr, die ein Kind gestillt werden, sich positiv auf dessen Gesundheit auswirken. Doch es geht beim Stillen nicht nur um die Bedürfnisse nach Geborgenheit und Körperkontakt sowie die Gesundheit Deines Kindes,  sondern auch um die Bedürfnisse der Mutter. Beides ist wichtig und richtig und sollte bei der Entscheidung der Stilldauer ausschlaggebend sein. Denn wenn es einem der Beteiligten mit dem Stillen nicht (mehr) gut geht, sollte eine Veränderungsmöglichkeit gesucht werden.

Das Stillen betrifft immer zwei Menschen: das Kind und die Mutter. Es ist eine innige (Still-) Beziehung, bei der die Seite der Mutter eher die gebende Seite darstellt und die Seite des Kindes die nehmende Seite. Doch auch in die jeweils andere Richtung wird gegeben und genommen. So müssen  zu der Entscheidung, wie lange gestillt werden soll, immer beide Seiten gesehen werden und die Interessen beider Beteiligten abgewogen werden.

Da Muttermilch die gesündeste Nahrung für Deinen jungen Säugling ist, empfiehlt die WHO (Weltgesundheitsorganisation), dass Kinder die ersten 6 Monate ausschließlich gestillt werden und bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr zusätzlich zu anderer Nahrung Muttermilch bekommen sollten. Diese Empfehlung beruht unter anderem darauf, dass die meisten Kinder nicht vor dem siebten Lebensmonat bereit für andere Nahrung sind und dass es sehr positive Effekte hat, wenn die feste Kost unter dem Schutz von Muttermilch eingeführt wird. So weiß man, dass dies einen positiven Effekt auf die Allergieneigung Deines Kindes hat.

In Deutschland stillen statistisch gesehen die meisten Mütter im Laufe des ersten Lebensjahres ab. Mütter, die darüber hinaus stillen, werden oft als Langzeitstillende bezeichnet. Gesundheitlich gesehen gibt es kein Alter, ab dem das Stillen negative Auswirkungen für Mutter oder Kind bekommt. Mutter und Kind können und sollten deshalb so lange stillen, wie es für sie richtig ist. Oft berichten Frauen, die länger als sechs oder neun Monate stillen, dass sie sich durch ihr Umfeld oder die Gesellschaft unter Druck gesetzt fühlen abzustillen. Tatsächlich scheint es in vielen Köpfen, vor allem in Generationen über der jetzigen Müttergeneration, fest verankert zu sein, dass das Stillen ausschließlich für sehr junge Säuglinge geeignet sei. Dies ist tatsächlich falsch, wie beispielsweise die offizielle Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation zeigt. Aber nicht nur hier ist davon nachzulesen. Wissenschaftlich gesehen gibt es keinen Grund, zu einem bestimmten Zeitpunkt aufzuhören zu stillen.

Der richtige Zeitpunkt aufzuhören zu stillen ist dann, wenn einer der beiden Partner nicht mehr stillen möchte. Die unkomplizierteste Lösung ist, dass Mutter und Kind im Einvernehmen zu einem Ende finden. Doch dies ist nicht immer möglich. Es gibt Kinder, die sich abstillen, obwohl die Mutter nichts dagegen hätte, noch weiter zu stillen. Und es gibt Mütter, die die Stillbeziehung aktiv beenden, obwohl das Kind gerne weiter gestillt hätte. Beides ist völlig in Ordnung und hat seine Berechtigung. Denn sobald einer der beiden Partner sich in der Stillbeziehung nicht mehr wohlfühlt, wirkt sich dies auf den anderen aus. Insbesondere Mütter dürfen und sollten sich ihrer Bedürfnisse bewusst werden und für diese eintreten, denn auf Dauer profitiert kein Kind von einer Mutter, die ihre eigenen Bedürfnisse ignoriert und sich nur an den Wünschen ihres Kindes orientiert.

Manche Stillbeziehungen werden durch äußere Umstände beendet. Etwa weil die Mutter für eine Weile nicht verfügbar ist und ihre Abwesenheit zum Abstillen führt (was nicht unbedingt eintreten muss!). Oder weil die Milchmenge nicht mehr ausreicht und nicht steigerbar ist, weil die Mutter unumgänglich Medikamente einnehmen muss, mit denen das Stillen nicht vertretbar ist (Dies ist aber selten der Fall. Oft gibt es stillfreundliche Möglichkeiten.) oder aus anderen Gründen. Wenn es trotz des Wunsches weiter zu stillen nicht möglich ist, ist der Zeitpunkt des Abstillens festgelegt und es tut gut, diese Gegebenheit freundlich anzunehmen und sich auf den neuen Abschnitt zu freuen.

Folgende Abstillsituationen können sich neben den oben genannten, von außen bedingten Situationen ergeben:

  1. Dein Kind und Du seid Euch einig und es geschieht ganz harmonisch ohne großes Tamtam. Plötzlich stellst Du fest, dass Ihr nicht mehr stillt.
  2. Dein Kind beschließt die Stillbeziehung zu beenden. Es möchte nicht mehr stillen und zeigt deutlich Interesse an dem sonstigen Nahrungsangebot.
  3. Du beschließt die Stillbeziehung zu beenden. Gut gelingt dies, wenn Du wirklich überzeugt bist, dass es richtig ist – dann wird Dein Kind es leichter haben, sich damit zurechtzufinden.

Wenn Du also an dem Punkt bist, dass Du Dein Kind abstillen möchtest, ganz egal wie alt Dein Kind ist, helfen Dir folgende Fragen als Anregung, um herauszufinden, ob Du wirklich so weit bist, die Stillbeziehung zu beenden. Denn wenn Du Dir sicher bist, dass es wichtig und richtig ist, die Stillbeziehung zu beenden, wird Dein Kind diese Entscheidung sehr viel besser akzeptieren können als wenn es Deine Unsicherheit und Dein mulmiges Gefühl spürt. Wenn Frauen zum Beispiel das Gefühl haben, sie müssten abstillen, weil „das eben so ist“, also der Druck vom Umfeld so groß wird, dass sie sich beugen, gelingt das Abstillen oft sehr schwer.

Der richtige Zeitpunkt von Deiner Seite abzustillen ist dann, wenn Du die folgenden Aussagen (überwiegend) mit Ja beantworten kannst:

  • Ist Dein Kind gesättigt? Ist also nicht nur der Bauch, sondern vor allem das Bedürfnis nach dem Stillen gesättigt? Ist es bereit, sich ein Stückchen weiter von Dir zu lösen und den nächsten Entwicklungsschritt zu gehen?
  • Bist Du bereit Dich ein Stückchen weiter von Deinem Kind zu lösen. Ist Dein Bedürfnis nach der exklusiven (Still-) Beziehung zu Deinem Kind gesättigt? Bist Du bereit für den nächsten Entwicklungsschritt?
  • Wenn Du daran denkst, dass die Stillbeziehung unwiderruflich beendet ist, freust Du Dich darüber überwiegend?

Wenn Du feststellst, dass Du diesen Fragen nicht zustimmen kannst, gehe noch einmal in Dich und suche nach dem Antrieb abzustillen. Kommt der wirklich von Dir oder kommt der von außen? Und frage Dich, was Du brauchst, um glücklich aus der Stillbeziehung zu gehen und frohen Mutes in den neuen Abschnitt Deiner Mutterrolle zu gehen.

Der richtige Zeitpunkt kommt bestimmt.