Über den (Un-) Sinn starrer Babyernährungspläne

Das Thema Beikost oder allgemeiner gesagt das Thema Essen ist unter Müttern und Vätern eines der am heißesten diskutierten in den ersten Lebensmonaten. Irgendwie schwingt immer die Sorge mit, dass die Kinder zu wenig oder das falsche Essen bekommen. Aber Du kannst Dich entspannen, denn eigentlich ist es gar nicht schwierig und Du musst Dir den Kopf nicht unnötig zergrübeln. Ich habe eine ganz einfache Lösung, die Dir und vor allem Deinem Kind so viel Erleichterung während der Beikostzeit  bringen wird. Wenn Du Dich gerade fragst, ob ich mich vielleicht ein wenig weit aus dem Fenster lehne mit der Behauptung, ich hätte „die Lösung“ für Euch, kann ich Dich beruhigen. Eigentlich habe nicht ich die Lösung, sondern Du selbst. Und die findet sich nicht in einem genauen, festgelegtem Plan.

Du kennst es sicher auch, wenn man sich mit dem Thema Beikost beschäftigt, stößt man an allen möglichen Ecken auf so genannte Babyernährungspläne. Meist sind sie bunt und vor allem übersichtlich und logisch. Da wird auf den ersten Blick klar: das hat Struktur. Es wird einem erklärt, was Kinder wann brauchen und was nach und nach dazukommen muss. Eine ganz wunderbar klare Übersicht, wie das alles zu laufen hat. Im ersten Monat wird dieser Brei gefüttert, im nächsten dieser und so weiter. Diese Pläne können den Eltern ein Gefühl von Sicherheit und Orientierung geben.

Doch was in diesen Plänen nicht steht, ist, dass jedes Kind anders ist. Und dass alle Kinder unterschiedliche Bedürfnisse haben. Aber das ist auch verständlich, denn das würde die klare Übersicht und die Logik der Pläne zunichtemachen. Und damit auch das beruhigende Gefühl, das sie den Eltern geben.

Doch ich kann Dich beruhigen: die Erkenntnis, dass diese Pläne einfach realitätsfern und meist nicht brauchbar sind, muss für Dich keine Verunsicherung bedeuten. Ganz im Gegenteil. Wenn Du einmal verstanden hast, dass Du nicht zwingend einen Plan brauchst, der von Menschen erstellt wird , die Dein Kind und Dich noch nicht einmal kennen, wirst Du große Sicherheit gewinnen.

Um besser zu verstehen, wie absurd es ist, zu versuchen sich vollständig an diese Pläne zu halten, folgt hier ein kleines Gedankenspiel für Dich: Vielleicht kennst Du die Situation, in der sich mehrere Elternteile über das Thema Beikost ihrer gleichalten Kinder austauschen, zum Beispiel bei einer Krabbelgruppe oder ähnlichem. Stell dir vor, es geht um 10 Kinder, deren Eltern sich austauschen. Ein Elternpaar erzählt von einem solchen Babyernährungsplan, mit dem sie sehr gut fahren. Alle 9 anderen Familien sind begeistert und beschließen den gleichen Plan anzuwenden. Alle 10 Kinder sollen also in den nächsten Wochen und Monaten dasselbe Essen bekommen. Zur gleichen Zeit soll ein neuer Brei eingeführt werden und so weiter.

Und nun stell dir vor, Du bist mit 9 anderen Erwachsenen, zum Beispiel Arbeitskollegen oder völlig zufällig in einem Bahnabteil zusammensitzenden Menschen, zusammen und ihr tauscht Euch über Eure Ernährung aus. Einer erzählt von einem neuen Programm, das genau vorgibt, was man wann essen sollte. Da werden Tageszeiten für bestimmte Mahlzeiten vorgegeben, die streng eingehalten werden müssen. Es ist wissenschaftlich bestätigt, dass Menschen, die sich nach diesem Plan ernähren, ganz genau ihre Nährstoffbedürfnisse decken würden und auch sonst hat es positive Auswirkungen auf die Gesundheit. Allerdings ist das Programm sehr streng in den Vorgaben, so wird vorgegeben, wann man etwas Süßes essen darf und wann etwas Salziges sowie die Menge, die gegessen werden soll (unabhängig von dem eigenen Hunger). Der eigene Hunger oder Appetit sowie die Vorlieben können nicht berücksichtigt werden, wenn der volle Nutzen des Programmes gewünscht wird.

Nun frage ich Dich: wie viele von Euch Erwachsenen werden sich entscheiden dieses Programm für die nächsten Wochen und Monate konsequent anzuwenden? Ich vermute, es werden wenige sein. Wahrscheinlich niemand. Denn es wäre verrückt. Die eigenen Bedürfnisse und die eigenen Wünsche völlig zu ignorieren wäre völlig absurd. Vor allem wenn der größte und wichtigste Vorteil nur wäre, sicher zu wissen, dass der Nährstoffbedarf abgedeckt ist. Dazu so viele Beschränkungen in Kauf zu nehmen, scheint absurd. Und für dieses Programm wären wir doch einfach auch alle zu unterschiedlich. Der eine braucht morgens sein Müsli, für den anderen startet der Tag nur mit einem gekochten Ei so richtig gut. Die einen brauchen am Mittag eine warme Mahlzeit und abends nur eine Kleinigkeit. Andere lieben die gemeinsamen Mahlzeiten mit der Familie am Abendbrottisch und trinken danach noch einen Espresso. Andere können nach 16 Uhr keinen Kaffee mehr trinken, weil sie sonst nicht schlafen können. Ach, und es gibt noch so viel mehr, was der eine liebt und der andere sich nicht einmal vorstellen kann.

Und das ist auch gut so. Denn dadurch sorgen wir alle dafür, dass unsere Bedürfnisse gedeckt werden. Dadurch, dass wir essen, wenn wir Hunger haben, und das essen, worauf wir Lust und Appetit haben, sorgen wir dafür, dass wir bekommen, was wir brauchen. Das Programm, das weiter oben beschrieben wurde, täte den meisten von uns vermutlich auf Dauer nicht gut.

Und nun frage ich Dich: wie kann es sein, dass wir sofort einsehen, dass solch ein Programm für uns Erwachsene einfach keinen Sinn macht, aber für unsere Kinder entscheiden wir uns für ein solches Programm, in Form von den so weit verbreiteten Essensplänen, die keine Individualität zulassen? Das ist doch ein bisschen verrückt, oder?

Dein Kind ist ein Mensch. Ein kleiner noch, aber ein Mensch. Und wir Menschen sind so individuell. Insbesondere was unsere Bedürfnisse und Wünsche angeht, sind wir so verschieden. Und diese Verschiedenheit tritt nicht irgendwann mit den Jahren auf, sondern sie ist von Anfang an da. Ein strikter Fahrplan kann also nicht für alle Kinder passen. Manchen entspricht es vielleicht und manch ein Kind lässt sich vielleicht auch auf strenge Vorgaben ein. Aber jedes Kind hat seine eigenen Bedürfnisse und das kann Dein Kind schon von Anfang an zum Ausdruck bringen.

Ich rate Dir also: vergiss starre Pläne und lerne Dein Kind kennen. Schau, was Dein Kind braucht. Vertraue Deinem Kind. Es weiß besser als jeder Wissenschaftler, was es wann braucht. Deine Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass Dein Kind seine Bedürfnisse erfüllen kann. Biete ihm deswegen ein vielfältiges Angebot an. Biete ihm Obst, Gemüse und Getreide an. Mal etwas, was natürliche Süße enthält , mal etwas salziges (ohne extra zu salzen), mal etwas püriertes und mal etwas  Fingerfood. Füttere es und lass es, wenn es so weit ist, selber essen. Schau auf Dein Kind, lass ihm Zeit und nimm Dich zurück. Lerne neue Lebensmittel kennen, Pastinake, Quinoa oder Frühstücksauflauf sind nicht nur für die Kleinen großartige Lebensmittel, sondern genauso gesund und wertvoll für Dich selbst. Und vor allem: hab Freude. Denn Essen bedeutet Freude. Das ist überhaupt das Wichtigste, was Du Deinem Kind mitgeben kannst. Essen ist Freude. Und die findet sich in keinem Babyernährungsplan der Welt. Die findet sich in Euch und in der Befriedigung Eurer Bedürfnisse und Wünsche.